Wenn unsere Geräte in der Forschung angewandt werden, freut uns das natürlich ganz besonders. Und wenn das dann auch noch im Rahmen einer sehr spannenden Studie passiert – umso besser.

Wie die meisten, welche sich mit Biofeedback befassen wissen, ist die Universität Tübingen ein richtigehender Hort in Sachen Biofeedback-Forschung. Auch die Studie über die wir heute berichten, kommt von dort.

Im Rahmen ihrer Doktorarbeit hat sich Frau Dr. Windthorst hier mit dem Vergleich von Biofeedbacktherapie vs. graduiertem sportmedizinischen Bewegungstraining bei Frauen mit chronischem Erschöpfungssyndrom beschäftigt.

Begrifflichkeiten
Das Bild des chronischen Erschöpfungssyndroms ist geprägt von einem Zustand andauernder starker Erschöpfung, Abgeschlagenheit und erhöhter Ermüdbarkeit. Hinzu kommen zusätzliche Beschwerden wie Muskelschmerzen oder Konzentrationsschwierigkeiten. Diese Beschwerden führen zu einem hohen Leidensdruck und Einschränkungen in der Bewältigung von Alltagsangelegenheiten.

Behandelt wird das Syndrom mit graduierter Bewegungstherapie, als vornehmlich sport- oder physiotherapeutisch angeleiteter Intervention oder kognitiver Verhaltenstherapie wobei auch Biofeedback als kognitiv-verhaltenstherapeutisch orientiertes Psychotherapieverfahren zum Einsatz kommen kann. Biofeedback zielt neben der konkreten Beeinflussung einzelner Übungsparameter auch auf ein verbessertes Verständnis für psychosomatische Zusammenhänge ab, sowie auf eine Stärkung des Erlebens von Selbstwirksamkeit und Kontrollerleben.

Zugrundeliegende Idee
Das CFS lässt sich der übergeordneten Störungsgruppe der FSS (Funktionelle somatische Syndrome) zuordnen. Für den Einsatz von Biofeedback in diesem Bereich liegen zahlreiche Wirksamkeitsnachweise vor. Eine Literaturrecherche ließ die Vermutung nahe liegen, dass Biofeedback auch zur Behandlung des CFS einsetzen zu können.

Intervention

  • Die Gruppe mit dem graduierten Bewegungstraining absolvierte langsames Walking-Training unter Kontrolle der Herzfrequenz. Mittels individueller Leistungsbemessung wurde eine an die Beschwerdesymptomatik angepasste Belastung gewährleistet werden. Jede Probandin erhielt auch eine individuell an das eigene Leistungsniveau angepasste Hausaufgabe (das Walkingtraining in eigener Regie fortzusetzen).
  • Für die Probandinnen der Biofeedbackintervention wurde ein strukturiertes Behandlungsmanual entsprechend der Literatur zu Biofeedbacktherapie bei somatoformen Störungen entwickelt. Als Übungsparameter wurde die respiratorische Sinus-Arrhythmie gewählt. Mittels eines Gerätes von Insight Instruments erhielten die Probanden Rückmeldung über Pulsfrequenz und Atemkurve.

Anfangs wurden die Patienten mit dem Setting vertraut gemacht. Den genauen Ablauf der weiteren Sitzungen können Sie hier in der Originalstudie (S. 59) nachlesen. Vergleichbar mit den Teilnehmerinnen des graduierten Bewegungsprogramms erhielten die Teilnehmerinnen des Biofeedbackprogrammes eine regelmäßige Hausaufgabe. Diese bestand im täglichen Üben und Wiederholen der vorherigen Sitzungsinhalte ohne Biofeedbackgerät.

Stichprobe
Von 28 endgültigen Studienteilnehmerinnen wurden 13 der Biofeedbacktherapie-Gruppe und 15 dem graduierten Bewegungstraining zugewiesen

Konkrete Ergebnisse

  • Beide Interventionen führten zu einer Reduktion des Erschöpfungs- und Beschwerdeerlebens.

  • Insbesondere die Biofeedbackbehandlung führte zu einer Verbesserung des psychischen Wohlbefindens bzw. des psychischen Lebensqualität, sowie zu zu einer Verbesserung des Entspannungserlebens und der psychophysiologischen Regulation.

  • Das graduierte Bewegungstraining führte wiederum zu einer Verbesserung des körperlichen Wohlbefindens bzw. der körperlichen Lebensqualität und führte trotz des verhältnismäßig kurzen Interventionszeitraumes zu einer gewissen Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit.

  • Keine Intervention führte zu einer signifikanten Veränderung der Kontrollüberzeugung. (Hier gibt es allerdings die Vermutung, dass ein speziell auf Biofeedback abgestimmter Fragebogen andere Ergebnisse erbringen könnte, da der KKG hier ein relativ allgemeiner Fragebogen für das Gesundheitserleben ist – Anmerkung: Die Stärkung der Selbstwirksamkeit und des Kontrollerlebens gilt ja als einer der wichtigsten Faktoren der Biofeedbacktherapie siehe z.B hier)

Genaueres zur Biofeedbacktherapie

  • Die vorliegenden Daten erlaubten in dieser Hinsicht keine abschließende Bewertung, doch gab es Ansatzpunkte, dass die Biofeedbacktherapie nachhaltige Therapieeffekte bewirkte, da gemessene Werte (z.B „psychische Quality of Life“, „Depressivität“, ua.) eine weitere Verbesserung zwischen der Messung nach der Intervention und der Katamnese nach 5 Monaten zeigten. Dieser Effekt zeigte sich nur in der Biofeedback-Gruppe, nicht in jener des graduierten Bewegungstrainings.

  • Auch in der qualitativen Betrachtung berichteten mehr Probanden der Biofeedback-Therapie (9) von fortbestehenden Veränderungen als in der Gruppe des graduierten Bewegungstrainings (6)

  • Zusätzlich wird auch die hohe Akzeptanz des Biofeedback-Verfahrens erwähnt, da es in dieser Interventionsgruppe keine Dropouts gab. Die Mehrzahl der Probandinnen erlebte die Biofeedback-Intervention auch als besonders positiv.

Auch wenn es noch Möglichkeiten zur Ergänzung des in der Studie verwendeten Manuals gibt, zeigt auch die bisherige Umsetzung und Überprüfung der Daten anhand des vorliegenden Manuals spricht für eine Wirksamkeit der Biofeedbackbehandlung bei CFS und insbesondere für eine hohe Akzeptanz des Verfahrens bei den Betroffenen.Aus Sicht der Autorin bietet die vorliegende Studie (natürlich unter Anwendung wissenschaftlicher Vorsicht) eine gute Motivationsgrundlage auch zukünftig Biofeedbackverfahren im Bereich der chronischen Erschöpfungssymptomatik anzuwenden und ihre Wirksamkeit weiter zu überprüfen.

„Eine an unserem Kollektiv erfasste substantielle Verbesserung innerhalb eines verhältnismäßig kurzen Interventionszeitraumes in den Bereichen des Erschöpfungserlebens und des Wohlbefindens macht Mut weitere Forschungsbemühungen in diesem Bereich anzustreben. „ (S.125)

Conclusio
Freundlicherweise erhielten wir auf Anfrage sogar eine Studien-Conclusio der Autorin Frau Dr. Windthorst persönlich: „Hinsichtlich der Conclusio, haben Sie schon einen aus meiner Sicht sehr wichtigen Aspekt, nämlich die Akzeptanz und Anschaulichkeit des Verfahrens hervorgehoben. Zudem ist, meines Erachtens, das Erleben von Selbstwirksamkeit und Kontrolle ein entscheidender Faktor, mit dem Biofeedback Symptomverringerung und -bewältigung maßgeblich unterstützen kann. Nichtsdestotrotz ist sicherlich sehr störungsspezifisch und individuell zu entscheiden, welche weiteren Maßnahmen und Behandlungsansätze (Psychotherapie, Physiotherapie, medikamentöse Therapie, etc.) additiv oder kombiniert hilfreich und notwendig sind. Biofeedback bietet die Möglichkeit eines direkt und wertschätzenden gemeinsamen Zugangs von Behandler und Patient zu bestehenden Beschwerden als auch zu Ressourcen.“

Quelle des Artikels:
Windthorst, P. S. (2016). Biofeedbacktherapie vs. graduiertes, sportmedizinisches Bewegungstraining bei Frauen mit chronischem Erschöpfungssyndrom. Eine randomisierte, kontrollierte Studie zur Erfassung der Auswirkungen auf Erschöpfungserleben, psychisches und physisches Wohlbefinden und körperliche Leistungsfähigkeit (Doctoral dissertation, Universität Tübingen).

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