Biofeedback in der Schmerztherapie

Neben der allgemeinen Behandlung von Stress und Burnout kann die Arbeit an chronischen Schmerzen mittels Biofeedback wohl mit Recht als einer der Superstars der Welt des Biofeedbacks betrachtet werden.

Warum ist das so?

  • Die Methode ist medikamentenfrei
  • Der Klient erlebt sich selbst als aktiv und wirksam und nicht willenlos dem Schmerz ausgeliefert
  • Biofeedback eröffnet vielen Patienten überhaupt erst den Zugang zu einem multi-faktoriellen Krankheitsmodell (Bio-Psycho-Sozial)
  • Die objektive Rückmeldung erlaubt dem Klienten konkret seinen Fortschritt zu sehen und motiviert oft mehr als „unüberprüftes“, generisches Entspannungstraining

Die Vorteile dürften noch weiter gehen, aber ganz generell lässt sich sagen, dass die Anwendung von Biofeedback vor Allem bei chronischen Schmerzen hocheffektiv und beliebt ist. Auch bei den Anwendern selbst ist dies der Fall – so berichtet z.B Dr. Müller-Schwefe aus dem Schmerzzentrum Göppingen:

„Die visuelle Darstellung des Biofeedback-Systems ermöglicht ein sehr leichtes Verstehen der Zusammenhänge zwischen körperlichen Vorgängen und gedanklichen oder emotionalen Reaktionen. So können zu einen die Auswirkungen der psychischen Faktoren auf das Schmerzgeschehen deutlich gemacht werden, aber auch z.B Fehlhaltungen, körperliche Belastungen in praktischen Übungen deutlich und eindrücklich zurückgemeldet werden. Mit Hilfe des Biofeedbacktrainings sind viele Patienten in der Lage ihre Muskelanspannung zu verringern und Schmerzen zu reduzieren (…)“ (den ganzen Bericht finden Sie hier)

Inhalt

Biofeedback wird bei vielerlei Formen von chronischen Schmerzen angewandt, aber einige Indikationen sind doch in der Praxis am häufigsten vorzufinden. Über diese soll hier näher berichtet werden. Beim Klick auf eine der Überschriften, springen Sie automatisch zum entsprechenden Abschnitt.

Biofeedback bei Spannungskopfschmerz

Kopfschmerzen gehören zu den verbreitetsten Schmerzerkrankungen. Bei 40% der Personen, die unter Kopfschmerzen leiden, besteht Spannungskopfschmerz. Biofeedback ist sowohl für die Überkategorie Kopfschmerz, als auch für die Unterkategorie Spannungskopfschmerz ein wirkungsvolles Verfahren.

Behandlung von Spannungskopfschmerzen mit Biofeedback

Spannungskopfschmerzen werden mittels Biofeedback primär (nahezu ausschließlich) über die Senkung der Muskelspannung behandelt. Diese wird als essentieller Einflussfaktor auf den Schmerz betrachtet. Meist wird hier die Frontalis-Muskel trainiert1.

Gearbeitet wird hier mittels EMG-Elektroden welche an die entsprechende Stelle des Muskels angelegt werden. Mittels visueller oder akustischer Rückmeldung können Klienten dann erlernen Einfluss auf diese Spannung zu nehmen. Ziel ist es oft den Teufelskreis aus Schmerz – Stress – Verspannung – mehr Stress – mehr Schmerz zu durchbrechen. Biofeedback kann auch angewandt werden, um Ursachen von Verspannungen zu eruieren.

Im folgenden Video beispielsweise hören wir die Geschichte eines Mannes, welcher bei jedem Atemzug seine Schultermuskulatur ganz leicht hochzog. Dadurch, dass diese Bewegung pro Tag viele hunderte Male auftrat, schlich sich so Verspannung ein. Erst die Biofeedback-Behandlung wies ihn auf diesen Zusammenhang hin. Heute ist er schmerzfrei.

Wirksamkeit

Eine zusammenfassende Bewertung von Studien (auch Meta-Analysen) belegte die Wirksamkeit von Therapien in denen Biofeedback eine wesentliche Komponente war eindeutig. Die Besserung scheint zeitlich stabil zu sein und sich teilweise mit der Zeit noch zu vergrößern. Die Autoren dieser Studie geben an, dass der Einsatz besonders dann empfohlen wenn es sich um chronischen Spannungskopfscherz haltet, da die medikamentöse Therapie hier nicht besonders wirksam scheint. Zusätzlich bietet sich die Methode auch an, falls Klienten anfällig für Nebenwirkungen sind oder falls andere Rahmenbedingungen (wie eine Schwangerschaft) ein solches Vorgehen ausschließen1.

Das Biofeedback-Review der Association for Applied Psychophysiology and Biofeedback „Evidence-Based Practice in Biofeedback and Neurofeedback“hat die Behandlung von Kopfschmerzen bei Erwachsenen mittels Biofeedback mit der zweithöchsten Stufe „Wirksam“ bewertet2.
Beispiel aus der Praxis von Mag. Lydia Oberthaler:
„Ich erinnere mich besonders an eine Klientin, die seit ihrer Kindheit an Migräne und Spannungskopfschmerz leidet. In nur 8 Therapiesitzungen konnte ich sie dabei unterstützen, die Häufigkeit der Attacken deutlich zu reduzieren. Weiters schafften wir es mithilfe eines Bauchatemtrainings und Progressiver Muskelentspannung, beginnende Kopfschmerzen “abzufangen”, sodass es in weiterer Folge zu gar keiner ausgeprägten Kopfschmerzattacke mehr kam. Die Klientin konnte eine deutliche Steigerung ihrer Lebensqualität erreichen. Mittlerweile hat sie die Übungen so verinnerlicht, dass keine “Kontrolle” durch das Biofeedbackgerät mehr notwendig ist.“ (ganzen Bericht hier lesen)

Biofeedback bei Migräne

Migräne ist eine neurologische Erkrankung unter der etwa 6 bis 8% aller Männer und 12 bis 14% aller Frauen leiden. Es kommt dabei attackenweise zu starken, oft einseitigen, pulsierend-pochenden Kopfschmerzen und Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Lichtscheue und anderen Symptomen3. Migräne ist für die Betroffenen sehr beeinträchtigend1 und zeigt auch eine Komorbidität mit einer klinischen Depression4.

Auch gesundheitswirtschaftlich stellt die Migräne einen nicht zu unterschätzenden Faktor dar. Dieser liegt vor allem bei den häufigen und regelmäßigen Krankenständen.

Behandlung von Migräne mit Biofeedback

Bisher kann das sogenannten Vasokonstriktiontraining in Zusammenarbeit mit einem Handerwärmungstraining als Goldstandard der nicht-medikamentösen Behandlung der Migräne bezeichnet werden. Hierbei soll erlernt werden die Erweiterung der Gefäße zu beeinflussen.

Bei ersterem erlernt der Patient die Schläfenarterie bewusst zu verengen. Ziel ist es, dass der Klient im Falle einer aufkommenden Migräne-Attacke in der Lage ist die Schläfenarterie zu verengen und den Anfall zu stoppen (eine plötzliche Erweiterung dieser Arterie nach vorheriger Verengung steht mit der Migräneattacke in Zusammenhang). Sollte vorher eine Aura stattfinden kann auch hier schon das Gegenteil getan werden, also die Arterie erweitern um die Gegenreaktion (extreme Arterienweitung) vorzubeugen1.

Beim Handerwärmungstraining wiederum wird erlernt die periphere Temperatur zu erhöhen. Dies geht mit einer Erweiterung der peripheren Blutgefäße und einer Reduktion des Sympatikotonus einher1.

Wirksamkeit

Wie beim Spannungskopfschmerz zeigt auch hier eine zusammenfassende Betrachtung der Literatur, dass die Wirksamkeit von Biofeedback bei Migräne eindeutig belegt ist. Betrachtungen nach Beendigung der Therapie lassen auf einen stabilen Effekt schließen, zuweilen vergrößert sich dieser sogar1.

Auch im Bericht Akuttherapie und Prophylaxe der Migräne der Deutschen Gesellschaft für Neurologie findet Biofeedback Erwähnung. Hier wird über Meta-Analysen berichtet, welche zeigen, dass Entspannungsverfahren und verschiedene Biofeedback-Verfahren im Mittel eine Reduktion der Migränehäufigkeit von 35% bis 45% erreichen.

Dies ist mit der Effektstärke für Propranolol vergleichbar. Die Effekte von Biofeedback und progressiver Muskelrelaxation (PMR) können sich hier ergänzen. Bei einer Kombination von PMR , Temperatur-Biofeedback und Propranolol wurde eine Verbesserung der Migräneaktivität zwischen 50% bis 70% erhoben (bei PMR und Temperatur-BFB alleine zwischen 33% bis 50%)5.

Beispiel aus der Praxis von Dr. Christine Schottdorf-Timm
„Eine 36-jährige Erzieherin stellte sich mit folgenden Symptomen in unserer Praxis vor: Migräne, innere Unruhe, Verspannungen, kalte Hände, Panikattacken, Herzklopfen, nervös bedingte Diarrhö, Gewichtsabnahme, Schlafstörung und Konzentrationsabfall. (…)

Sie absolvierte 24 Biofeedback-Sitzungen innerhalb von 4 Jahren. Wir trainierten mit ihr Atempacing, Herzkohärenz und Handerwärmung. Sie konnte auch einen Hyperventilationstest (simulierte Extrematmung) durchführen. (…). Sie lernte, die Brustatmung von der Bauchatmung zu entkoppeln, regelmäßig zu atmen und langsam auszuatmen. Zunehmend konnte sie ihre Schultern lockern und ihre Nackenverspannung löste sich. (…)

Nach 6 Monaten hörte ihre Migräne auf, sie zu plagen. (…) 

Biofeedback bei chronischem Rückenschmerz

Genauso wie bei Kopfschmerzen ist Biofeedback auch bei chronischem Rückenschmerz bestens dafür geeignet, den Teufelskreis aus Spannung und Schmerz zu durchbrechen.

Beachten Sie bitte, dass der folgende Abschnitt etwas kurz wirken mag, viele der Wirkmechanismen und Erklärungen der anderen Beschwerden lassen sich aber auf die Arbeit mit chronischen Rückenschmerzen übertragen.

Behandlung von Rückenschmerzen mit Biofeedback

Rückenschmerzen werden mit Biofeedback meist über die Messung und Rückmeldung des Oberflächen-EMG behandelt. Ziel ist es, die Fähigkeit zu erlernen, die Muskelspannung willkürlich zu reduzieren. Die Rückmeldung (also der Ort, an dem die Elektroden messen) erfolgt in der Regel vom Schmerzort selbst1.

Wirksamkeit

Das bereits erwähnte Biofeedback-Review der Association for Applied Psychophysiology and Biofeedback „Evidence-Based Practice in Biofeedback and Neurofeedback“ hat die Behandlung von muskelbezogenen Rückenschmerzen als „wahrscheinlich wirksam“ bezeichnet2.

Ganz generell kommt eine zusammenfassende Bewertung mehrerer Studien zu dem Schluss, dass EMG-Biofeedback ein empirisch gesichert wirksames Verfahren für die Behandlung chronischer Rückenschmerzen ist. Im Schnitt wird in der Literatur von einer Anzahl von 8-10 durchgeführten Sitzungen berichtet1.

Temperomandibuläre Störungen, Gesichtsschmerz und Bruxismus

Temperomandibuläre Störungen (TMS) zeichnen sich primär durch Schmerzen im Gesicht und dort vor allem im Bereich der Kiefermuskulatur und -gelenke aus, der Schmerz kann aber auch in andere Bereiche ausstrahlen.

Aktuell werden hier für die Entstehung multifaktorielle Modelle angenommen (Zusammenspiel von strukturellen, funktionellen und psychischen Faktoren), wobei psychische und emotionale Faktoren eine große Rolle in bei diesem Störungsbild zu spielen scheinen1.

Bruxismus als nicht-funktionales Knirschen und Mahlen mit den Zähnen ist meist Ursache von Kaugelenks- und Gesichtsschmerz und kann auch an der Entstehung von Tinnitus beteiligt sein. Durch eine Fehlbeanspruchung des Kausystems sind Abnutzungserscheinungen der Zähne, Zahnfleischschwund und andere dauerhafte Veränderungen der Zahn- und Gefäßstruktur möglich.

Die Behandlung von TMS, Gesichtsschmerz und Bruxismus mit Biofeedback

Besonders relevant ist bei Biofeedback in Zusammenhang mit temperomandibulären Störungen die dysfunktionale Muskelaktivität1. Die Muskulatur der Patienten zeigt hier z.B unter Stress eine erhöhte Aktivität (im Vergleich zu einer Kontrollgruppe)6. Zur Behandlung wird das EMG-Biofeedback angewandt, welches teils mit anderen Feedback-Optionen kombiniert wird um die allgemeine Entspannungsfähigkeit zu fördern.

Ziel ist es ineffektive Muskelaktivität Schritt für Schritt zu mindern, die Geschwindigkeit der Entspannung zu verbessern und die Körperwahrnehmung zu verbessern1.

Beim Bruxismus wird oft der Ansatz verwendet die Muskelspannung des Kaumuskels zu messen und mittels z.B eines Tons an den Patienten rückzumelden. Dieser kann sich so seiner Handlung bewusst werden und das Verhalten „verlernen“7 (z.B mit Signaltönen auch in der Nacht8). Ziel ist es, dass dieser Impuls später auch ohne Signal wahrgenommen und unterbrochen werden kann.

Wirksamkeit

Eine Meta-Studie unterstützt die Wirksamkeit von EMG-Biofeedback bei TMS und berichtete auch, dass 69% der Patienten nach einer Biofeedback-Behandlung als geheilt oder mindestens klinisch verbessert galten, während dies unter Placebobedingungen nur bei 35% der Patienten der Fall war. Die Anzahl an Sitzungen schwankte in der analysierten Literatur zwischen 6-12 Einheiten9. Eine weitere Studie zeigte, dass EMG-Biofeedback der Behandlung mit einer Aufbissschiene und dem Ergebnis in einer unbehandelten Kontrollgruppe überlegen war10.
In einer Fallstudie zu Bruxismus wurde durch die nächtliche Verwendung eines Biofeedbackgerätes der tägliche Bruxismus um 78% und der nächtliche Bruxismus um 66% verringert11.
Zusammenfassend wurde Biofeedback bei temperomandibulären Störungen im Biofeedback-Review der Association for Applied Psychophysiology and Biofeedback „Evidence-Based Practice in Biofeedback and Neurofeedback“ mit der zweithöchsten Wirksamkeitsstufe bewertet2.

Tipp aus der Praxis
Falls der Patient bereits eine Bissschiene zum Schutz des Zahnschmelzes verschrieben bekommen hat, sollte er diese beim Biofeedback tragen.

<p”>Biofeedbackmessungen können auch beim optimalen Anpassen von Zahnersatz, Schienen oder Zahnspangen helfen, damit es durch den Fremdkörper im Mund nicht zu unnötigen Muskelverspannungen im Gesichtsbereich kommt.

Fazit und Quellen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Biofeedback für vielerlei Arten von Schmerz eine effektive Behandlungsmethode ist. Die hauptsächlich verwendeten Feedback-Modalitäten sind das EMG-Feedback sowie das Handerwärmungstraining (bzw. das Vasokonstriktionstraining bei Migräne).

Die Methode kann Klienten auch dabei helfen, problematische Muskelaktivität überhaupt erst wahrzunehmen und ihnen eine gewisse Selbstwirksamkeit im Umgang mit ihrem Schmerz wiederzugeben.
Quellen:

1 – Martin, A., & Rief, W. (2009). Wie wirksam ist Biofeedback? Eine therapeutische Methode. Bern: Huber.
2 – G. Tan, F. Shaffer, R. Lyle, & I. Teo (Eds.). Evidence-based practice in biofeedback and neurofeedback (3rd ed.). Wheat Ridge, CO: Association for Applied Psychophysiology and Biofeedback.
3 – Sekundärzitate aus: Evers, S., May, A., Fritsche, G., Kropp, P., Lampl, C., Limmroth, V., … & Diener, H. C. (2008). Leitlinie der Deutschen Migräne-und Kopfschmerzgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Nervenheilkunde, 27, 933-949.
4 – Breslau, N., Merikangas, K., & Bowden, C. L. (1994). Comorbidity of migraine and major affective disorders. Neurology.
5 – Evers, S., May, A., Fritsche, G., Kropp, P., Lampl, C., Limmroth, V., … & Diener, H. C. (2008). Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Nervenheilkunde, 27, 933-949.
6 – Mercuri, L. G., Olson, R. E., & Laskin, D. M. (1979). The specificity of response to experimental stress in patients with myofascial pain dysfunction syndrome. Journal of Dental Research, 58(9), 1866-1871.
7 – Shetty, S., Pitti, V., Babu, C. S., Kumar, G. S., & Deepthi, B. C. (2010). Bruxism: a literature review. The Journal of Indian Prosthodontic Society, 10(3), 141-148.
8 – Cassisi, J. E., McGlynn, F. D., & Belles, D. R. (1987). EMG-activated feedback alarms for the treatment of nocturnal bruxism: current status and future directions. Applied Psychophysiology and Biofeedback, 12(1), 13-30.
9 – Crider, A. B., & Glaros, A. G. (1999). A meta-analysis of EMG biofeedback treatment of temporomandibular disorders. Journal of Orofacial Pain, 13(1). nach Martin, A., & Rief, W. (2009). Wie wirksam ist Biofeedback? Eine therapeutische Methode. Bern: Huber.
10 – Hijzen, T. H., Slangen, J. L., & Houweligen, H. C. (1986). Subjective, clinical and EMG effects of biofeedback and splint treatment. Journal of Oral Rehabilitation, 13(6), 529-539.
11 – Feehan, M., & Marsh, N. (1989). The reduction of bruxism using contingent EMG audible biofeedback: a case study. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 20(2), 179-183.