Psychische Gesundheitskrise: Wie Bio- und Neurofeedback wirksam helfen können

by | 16. July 2026 | Biofeedback

Psychische Störungen zählen zu den häufigsten Erkrankungen weltweit und stellen die führende Ursache für gesundheitliche Einschränkungen dar. Laut Schätzungen der im Fachjournal The Lancet veröffentlichten Global Burden of Disease Study 2023 lag die Zahl der weltweit von psychischen Erkrankungen Betroffenen im Jahr 2023 bei 1,17 Milliarden – nahezu doppelt so viele wie noch 1990. Das entspricht einer Prävalenzrate von 14,2 Prozent: Jede siebte Person ist betroffen. Die Studie zeigt zudem, dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer und Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren besonders häufig unter psychischen Erkrankungen leiden.

Diese Zahlen verdeutlichen den dringenden Bedarf an wirksamen Methoden zur Behandlung und Prävention psychischer Beschwerden. Biofeedback and Neurofeedback bieten hier einen innovativen, gut erforschten Ansatz, um Betroffene zu unterstützen und die psychische Gesundheit nachhaltig zu stärken.

    Wie können Bio- und Neurofeedback bei psychischen Beschwerden helfen?

    Früherkennung & Prävention

    Die Wirkung von Bio- und Neurofeedback setzt bereits bei der Früherkennung und Prävention an. Die Methode eignet sich beispielsweise zur Identifikation pathologischer Stressmuster: Im Rahmen der Biofeedback-Diagnostik werden vor allem kurzfristige physiologische Reaktionen auf spezifische Stressoren gemessen – etwa in Pulsfrequenz, Hautleitwert und Muskelaktivität. Aus diesen Daten lassen sich bereits erste Muster in der körperlichen Stressantwort erkennen.

    Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Erholungsphase, also der Zeitraum, den der Körper benötigt, um nach einer Stresssituation wieder in den Ausgangszustand zurückzukehren. Ihre Dauer kann Aufschluss über Stressresistenz und Stressbewältigungsfähigkeit geben und hilft, stressbedingte Belastungen in Beruf und Alltag frühzeitig zu erkennen.

    Bio- und Neurofeedback ermöglichen nicht nur Früherkennung, sondern auch gezielte Prävention: Durch die Echtzeit-Rückmeldung physiologischer Parameter wie Herzfrequenz, Hautleitfähigkeit, Muskelspannung oder Gehirnaktivität lernen Betroffene, ihre körperlichen Reaktionen auf Stress oder emotionale Belastung besser wahrzunehmen und zu regulieren. 

    Studien belegen die Wirksamkeit von Biofeedback zur Vorbeugung und Behandlung von Stress und Burnout: Nach 4–5 Wochen Training können Symptome von Stress, Angst und Depression reduziert werden (Sutarto et al., 2012; Ratanasiripong et al., 2015). Auch gegen alltäglichen Stress (Kotozaki et al., 2014) sowie zur Erhöhung der Stresstoleranz (Jarašiūnaitė-Fedosejeva et al., 2015) kann Biofeedback genutzt werden – und damit einen Baustein in der Prävention psychischer Erkrankungen darstellen.

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    Neurofeedback in der Behandlung von ADHS

    Neurofeedback-Training bei einem Kind

    Bio- und Neurofeedback können nicht nur präventiv, sondern auch therapeutisch zur Behandlung bereits bestehender psychischer Erkrankungen eingesetzt werden.

    Besonders wirksam und spezifisch wirkt Neurofeedback bei der Behandlung von ADHS bei Kindern und Erwachsenen als Teil einer umfassenden Therapie, wie zahlreiche Studien belegen (Bussalb et al., 2019; Sidiropoulos, 2023; Van Doren et al., 2019). 

    Bei Menschen mit ADHS zeigen sich häufig Ungleichgewichte in bestimmten Gehirnwellenmustern. Durch gezieltes Neurofeedback-Training lernen Betroffene, diese Ungleichgewichte auszugleichen und Symptome wie Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit zu verringern. In Kombination mit anderen Therapieformen, etwa Verhaltenstherapie oder Ergotherapie, zeigt sich Neurofeedback dabei als besonders effektiv.

    Biofeedback in der Behandlung von Depressionen

    Als wirksame Behandlungsmethode für Depressionen hat sich besonders das HRV-Biofeedback erwiesen (Karavidas et al., 2007). Dabei handelt es sich um eine intuitive Methode, mit der die Reagibilität des Herzens verbessert wird – zum Beispiel über das Training der respiratorischen Sinusarrhythmie. Klient:innen lernen dabei, Atmung und Herzschlag zu synchronisieren, was sich positiv auf depressive Erkrankungen und diverse andere Störungen auswirken kann (Caldwell & Steffen, 2018).

    Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Dazu zählen spezifische Phobien, Panikstörungen und generalisierte Angststörungen, die alle durch übermäßige Ängste und ein Ungleichgewicht im autonomen Nervensystem gekennzeichnet sind. Häufig angewendet wird das biofeedbackgestützte Atemtraining, bei dem eine tiefe Bauchatmung erlernt wird. Auch mittels HRV-Biofeedback lässt sich eine grundlegende Entspannungsfähigkeit aufbauen und die Selbstwirksamkeit stärken. Neben allgemeinem Entspannungstraining kann Biofeedback zudem zur Konfrontation mit angstauslösenden Reizen eingesetzt werden.

    Studienteilnehmende lernten, Stressindikatoren in angstauslösenden Situationen selbstständig zu senken – bereits nach sechs bis zwölf Biofeedbacksitzungen zeigte sich eine signifikante Verbesserung und Reduktion der Angstsymptome (Brauer, 1999), die auch ein Jahr nach der Behandlung noch nachweisbar war. Eine Studie von Ratanasiripong et al. (2015) fand bereits nach vier Wochen Biofeedbackintervention eine Reduktion ängstlicher Symptome. Biofeedback wurde von Studienteilnehmenden zudem als hilfreicher bewertet als andere Entspannungstechniken (Reiner, 2008).

    Biofeedback bei Schlafstörungen

    Schlafstörungen sind sowohl Begleitsymptom als auch Risikofaktor diverser psychischer und körperlicher Erkrankungen. Der Behandlung mittels Biofeedback liegt die Annahme zugrunde, dass Personen mit Schlafproblemen ein erhöhtes physiologisches, kognitives und/oder emotionales Erregungsniveau aufweisen. Im Training wird meist ein Schlafprotokoll oder Schlafritual erlernt, um das Erregungsniveau zu senken und so die Schlafqualität zu verbessern – etwa mittels Atem-Biofeedback, Handerwärmungstraining oder EMG-Biofeedback, um vor dem Einschlafen einen Zustand der Entspannung zu erreichen.

    Das biofeedbackgestützte Training erwies sich in Studien als gleich wirkungsvoll wie alternative Behandlungsmethoden, inklusive medikamentöser Behandlung, konnte dabei jedoch zu langfristiger anhaltenden Effekten führen (Martin & Rief, 2009; Riemann & Perlis, 2009).

    Fazit: Biofeedback als Baustein moderner psychischer Gesundheitsversorgung

    Angesichts der weltweit steigenden Zahl psychischer Erkrankungen sind innovative und wirksame Ansätze zur Prävention und Behandlung dringend erforderlich. Bio- und Neurofeedback bieten hier vielversprechende Möglichkeiten: Sie ermöglichen es, physiologische Prozesse bewusst wahrzunehmen und gezielt zu regulieren. Für Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen und Ärzt:innen stellen Bio- und Neurofeedback eine wertvolle Ergänzung im Behandlungsspektrum dar, die ohne Nebenwirkungen auskommt und individuell auf die Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmt werden kann. Wichtig ist, dass die Therapie von qualifizierten Fachkräften durchgeführt wird, um die bestmöglichen Ergebnisse zu gewährleisten.

    Bio- und Neurofeedback sind damit wertvolle Bausteine in einem modernen, ganzheitlichen Ansatz zur Förderung der psychischen Gesundheit – sowohl präventiv als auch therapeutisch.

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    Häufige Fragen zu Bio- und Neurofeedback

    Ist die Wirksamkeit von Biofeedback wissenschaftlich belegt?

    Ja. Zahlreiche Studien zeigen positive Effekte bei Stress, Angst, Depression, Schlafstörungen und ADHS – die entsprechenden Quellen sind am Ende dieses Artikels aufgelistet.

    Wie viele Sitzungen sind nötig, bis sich Verbesserungen zeigen?

    Studien zeigen erste messbare Effekte teils bereits nach vier bis fünf Wochen bzw. sechs bis zwölf Sitzungen – abhängig von Beschwerdebild und Modalität.

    Kann Biofeedback eine medikamentöse Behandlung ersetzen?

    Biofeedback wird in der Regel begleitend zu anderen Therapieformen eingesetzt und sollte von qualifizierten Fachkräften in ein individuelles Behandlungskonzept eingebettet werden.

    Für wen eignet sich Neurofeedback bei ADHS?

    Neurofeedback wird bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS als Teil einer umfassenden Therapie eingesetzt, häufig in Kombination mit Verhaltenstherapie oder Ergotherapie.

    Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Therapie durch qualifizierte Fachpersonen.

    Sources

    Brauer, A. (1999). Biofeedback and Anxiety. Psychiatric Times, 16(2), 1–2.

    Bussalb, A., Congedo, M., Barthélemy, Q., Ojeda, D., Acquaviva, E., Delorme, R., & Mayaud, L. (2019). Clinical and experimental factors influencing the efficacy of neurofeedback in ADHD: a meta-analysis. Frontiers in psychiatry, 10, 35.

    Caldwell, Y. T., & Steffen, P. R. (2018). Adding HRV biofeedback to psychotherapy increases heart rate variability and improves the treatment of major depressive disorder. International Journal of Psychophysiology, 131, 96–101.

    Jarašiūnaitė-Fedosejeva, G., Perminas, A., Gustainienė, L., Pečiulienė, I., & Kavaliauskaitė, R. (2015). Biofeedback-assisted relaxation and progressive muscle relaxation potential for enhancing students‘ distress tolerance. European Scientific Journal, 11(2).

    Karavidas, M. K., Lehrer, P. M., Vaschillo, E., Vaschillo, B., Marin, H., Buyske, S., Malinovsky, I., Radvanski, D. & Hassett, A. (2007). Preliminary Results of an Open Label Study of Heart Rate Variability Biofeedback for the Treatment of Major Depression. Applied Psychophysiology and Biofeedback, 32(1), 19-30.

    Kotozaki, Y., Takeuchi, H., Sekiguchi, A., Yamamoto, Y., Shinada, T., Araki, T., Takahashi, K., Taki, Y., Ogino, T., Kiguchi, M. & Kawashima, R. (2014). Biofeedback-based training for stress management in daily hassles: an intervention study. Brain and Behavior, 4(4), 566-579.

    Martin, A., & Rief, W. (2009). Wie wirksam ist Biofeedback. Eine therapeutische Methode. Bern: Huber.

    Ratanasiripong, P., Kaewboonchoo, O., Ratanasiripong, N., Hanklang, S. & Chumchai, P. (2015). Biofeedback Intervention for Stress, Anxiety, and Depression among Graduate Students in Public Health Nursing. Nursing Research and Practice, 2015, 1-5.

    Reiner, R. (2008). Integrating a Portable Biofeedback Device into Clinical Practice for Probands with Anxiety Disorders: Results of a Pilot Study. Applied Psychophysiology and Biofeedback, 33, 55–61.

    Riemann, D., & Perlis, M. L. (2009). The treatments of chronic insomnia: a review of benzodiazepine receptor agonists and psychological and behavioral therapies. Sleep Medicine Reviews, 13(3), 205–214.

    Santomauro, D., Miller, P., Shadid, J. et al. Updated trends in the global prevalence and burden of mental disorders, 1990–2023: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023. The Lancet, 407, 2040–2064.

    Sidiropoulos, K. (Ed.). (2023). EEG-Neurofeedback bei ADS und ADHS: Innovative Behandlung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Springer.

    Sutarto, A. P., Wahab, M. N. A. & Zin, N. M. (2012). Resonant Breathing Biofeedback Training for Stress Reduction Among Manufacturing Operators. International Journal of Occupational Safety and Ergonomics, 18(4), 549-561.

    Van Doren, J., Arns, M., Heinrich, H., Vollebregt, M. A., Strehl, U., & Loo, S. K. (2019). Sustained effects of neurofeedback in ADHD: a systematic review and meta-analysis. European Child & Adolescent Psychiatry, 28(3), 293–305.

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