Warum ist der Hautleitwert manchmal nicht messbar? Ein Praxisleitfaden für Bio- und Neurofeedbacktherapeut:innen

von | 26. Januar 2026 | Biofeedback, Grundlagen

Ein bekanntes Praxisproblem und eine wichtige Einordnung

Wenn du regelmäßig mit Biofeedback arbeitest, kennst du diese Situation vermutlich gut:
Die Elektroden sitzen korrekt, das Setting ist ruhig, der Klient wirkt aufmerksam – und trotzdem bleibt der Hautleitwert flach oder gar nicht messbar.

Gerade zu Beginn der Biofeedbackarbeit kann das verunsichern:
Habe ich etwas falsch angeschlossen? Ist der Sensor defekt? Macht der Klient „nicht richtig mit“?

Was dabei oft übersehen wird: Die Wissenschaft liefert bislang keine klare Zahl dazu, wie häufig ein Hautleitwert in der Allgemeinbevölkerung nicht messbar ist.
Zwar beschreibt die psychophysiologische Fachliteratur eine starke interindividuelle Variabilität des Hautleitwerts mit teils sehr niedrigen oder ausbleibenden Signalen, valide epidemiologische Prävalenzdaten zu sogenannten Hautleitwert-„Non-Respondern“ fehlen jedoch bislang.

Aus meiner eigenen therapeutischen Praxis weiß ich, wie häufig dieses Thema dennoch im Alltag auftritt – und wie entlastend es für Therapeut:innen wie auch für Klient:innen sein kann zu verstehen:
Ein nicht messbarer Hautleitwert ist in den meisten Fällen kein Messfehler und kein „Versagen“ der Methode, sondern Ausdruck physiologischer, medizinischer, psychologischer oder situativer Besonderheiten.

Mit diesem Artikel möchte ich dir eine fundierte, praxisnahe Orientierung geben, um genau in diesen Situationen ruhig, kompetent und flexibel zu bleiben – und Biofeedback weiterhin sinnvoll und wirksam einzusetzen.

Kurz erklärt:

Ein Hautleitwert ist nicht messbar, wenn die Schweißdrüsenaktivität sehr gering ist, Medikamente wirken, das autonome Nervensystem wenig reaktiv ist oder technische Faktoren die Messung beeinträchtigen.

Physiologische Ursachen

Sehr geringe Schweißdrüsenaktivität

Der Hautleitwert basiert auf der Aktivität der ekkrinen Schweißdrüsen. Bei manchen Menschen ist diese von Natur aus sehr niedrig.

Typische Hintergründe:

  • konstitutionell geringe Schweißsekretion
  • häufiger bei älteren Personen
  • genetische Unterschiede in der autonomen Reaktivität

Auch bei korrekter Messung entstehen dann kaum Hautleitwertänderungen.

Stark parasympathische Grundregulation

Manche Klient:innen haben einen sehr niedrigen sympathischen Tonus, insbesondere:

  • stark kontrollierte, leistungsorientierte Persönlichkeiten
  • Menschen mit hoher kognitiver Kontrolle

Merkmale:

  • kaum phasische EDA-Reaktionen
  • subjektiv empfundene Aktivierung ohne messbare Hautleitwertänderung

Der Körper reagiert reguliert, nicht „unteraktiviert“.

Kalte, schlecht durchblutete Hände

Ein sehr häufiger Praxisfaktor.

Mögliche Ursachen:

  • periphere Vasokonstriktion
  • Stress oder Angst
  • Raynaud-Phänomen

Folge:

  • reduzierte Schweißsekretion
  • Hautleitwert kaum oder nicht messbar

Medizinische Ursachen

Neurologische Erkrankungen

Störungen des autonomen Nervensystems wirken sich direkt auf den Hautleitwert aus.

Relevant sind u. a.:

  • Morbus Parkinson (autonome Dysfunktion häufig)
  • Polyneuropathien (z. B. diabetisch)
  • Small-Fiber-Neuropathien
  • Läsionen autonomer Nervenbahnen
Dermatologische Faktoren

Auch die Haut selbst spielt eine zentrale Rolle.

Mögliche Einschränkungen:

  • sehr trockene, verhornte Haut (Hyperkeratose)
  • Narbengewebe an den Messstellen
  • chronische Hauterkrankungen (z. B. Ekzeme)

Die elektrische Leitfähigkeit ist deutlich reduziert.

Endokrinologische Faktoren

Besonders relevant, aber oft übersehen:

  • Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)
    → niedriger Stoffwechsel, reduzierte Schweißaktivität
  • Dehydratation
    → zu wenig Flüssigkeit, viel Kaffee, Alkohol am Vortag
  • insgesamt niedriger Allgemeinstoffwechsel

Medikamentöse Einflüsse

Medikamente mit anticholinerger Wirkung

Diese hemmen die Schweißdrüsenaktivität direkt.

Beispiele:

  • trizyklische Antidepressiva
  • Antipsychotika mit anticholinergem Profil
  • bestimmte Antiparkinsonmittel
Sympathikus-dämpfende Medikamente

Auch diese reduzieren Hautleitwert-Reaktionen deutlich, zB:

  • Betablocker
  • Sedativa / Benzodiazepine
  • Opioide

Ergebnis: stark reduzierter oder aufgehobener Hautleitwert.

Technische und messbedingte Ursachen

Elektroden und Sensorik
  • unzureichender Hautkontakt
  • Sensor defekt
    → gut überprüfbar: wenn Sensor bei anderer Person reagiert, dann ist Sensor in Ordnung
Ungeeigneter Messort
  • Fingerrücken statt Fingerbeeren
  • Areale mit geringer Schweißdrüsendichte
    anderen Finger probieren
Artefakte
  • Bewegung
  • Druck auf die Elektroden
  • elektrische Störungen im Raum

Situative und psychologische Faktoren

Fehlende emotionale Aktivierung
  • neutrale Inhalte
  • keine emotional relevanten Reize
  • starke kognitive Kontrolle
Habituation
  • abgeschwächte Reaktionen bei wiederholter Messung
  • besonders bei erfahrenen Biofeedbackklient:innen
Dissoziation oder emotionale Abflachung
  • Trauma-Folgestörungen
  • depressive Zustände mit Anhedonie

    Subjektives Erleben und physiologische Reaktion können stark entkoppelt sein.

    Umweltbedingungen

    • niedrige Raumtemperatur
    • trockene Raumluft
    • kalte Akklimatisierung vor der Sitzung

    Klinisch-praktische Tipps für den Alltag

    • Keine Panik: Ein nicht messbarer Hautleitwert bedeutet nicht, dass du etwas falsch machst.
    • Parameter wechseln:
      • Fingertemperatur
      • HRV / Atemfeedback
      • EMG
    • Hände aufwärmen, dann erneut messen
    • Medikamente aktiv erfragen
    • Messzeitpunkt und Raumklima dokumentieren
    • Fokus auf Selbstwahrnehmung und Regulation, nicht auf perfekte Kurven

    Fazit: Biofeedback schafft Klarheit und neue Chancen

    Der Hautleitwert ist ein wertvoller Biofeedbackparameter, aber nicht bei jeder Person und nicht zu jedem Zeitpunkt gleich gut messbar.
    Ein differenziertes Verständnis der möglichen Ursachen hilft, souverän zu bleiben, flexibel zu arbeiten und Klient:innen kompetent zu begleiten.

    Biofeedback lebt nicht von einzelnen Zahlen, sondern von Verständnis, Kontext und therapeutischer Beziehung.

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